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Schau mal, ne Politesse. Ich schaue durch die Horde Jugendlicher hindurch. Gehe weiter. Schnurstracks. Eins, zwei, eins, zwei. Sollen sie nur lachen. Sollen sie mich verhöhnen. Einen männlichen Mitarbeiter des Ordnungsamtes als Politesse zu bezeichnen. Wie ungemein einfallsreich. Betragen - Doppelpunkt - 6, schreibe ich in ein imaginäres Klassenbuch und verstaue es dort, wo mich es nicht mehr berührt.
Die Straße ist lang. Quälend lang. Die Reihe parkender Autos zieht sich bis zum Gehtnichtmehr. Fünf Schritte. Prüfender Blick in die Windschutzscheibe. Negativ. Fünf Schritte weiter - negativ. Fünf Schritte weiter. Aha! Da hätten wir mal wieder einen Fisch gefangen. Parkzeit über drei Stunden abgelaufen. Mercedes-Coupé, SLK-Klasse. Silber. Extrem gepflegt, unnötig zu sagen. Mein schwarzer Kugelschreiber fliegt behände über den Knöllchen-Block. Ich drücke fester auf als gewöhnlich. Notiere Kennzeichen und Uhrzeit. Schwungvoll reiße ich den Strafzettel ab und platziere ihn genüsslich unter dem verchromten Scheibenwischer. Allein dieser ist wahrscheinlich teurer als meine Wohnungseinrichtung. Ich blicke mich um. Ein paar versprenkelte Fußgänger. Aber niemand sieht mir zu. Ich hole aus und trete voller Wucht gegen den Vorderreifen. Nimm dies, Scheißbonzenkarre.
Wieder mal was abgehakt. Zufrieden rücke ich die Schirmmütze zurecht und setze meinen Weg fort. Das war definitiv eine leichte Übung. Ist nicht immer so einfach. Manchmal lassen sie dich nicht in Ruhe. Beschimpfen dich. Bewerfen dich vom Balkon aus mit Zigarettenkippen. Man füllt den Strafzettel aus und sie kommen angerannt. Und fangen an zu diskutieren. Entschuldigen sich. Kommen mit irgendwelchen Geschichten daher. Die Interessieren mich nicht die Bohne. Ich würde mir am liebsten einfach die Ohren zuhalten. Aber darf nicht. Anfangs nehmen sie meine Autorität an. Machen einen auf Arschkriecher. Uniform ist Macht. Und du stehst stramm, das Kinn leicht erhöht und hörst zu. Und dann hältst du deine Predigt. Immer die gleiche. Die Vorschriften, wie sie sind. Wie du sie gelernt hast. Wie wir sie alle kennen. Und sie werden lauter. Fallen dir ins Wort. Und du wirst energischer. Und magst das nicht. Hast Tränen in den Augen. Denn du weißt, was kommt. Irgendwann nehmen sie sich das Recht, lauter und böser zu sein als du. Irgendwann fuchteln sie mit ihrem Gehaltsstreifen vor deiner Nase herum. Sticht! Geld ist Macht. Ich stelle mir vor, ich hätte so einen englischen Helm auf. So ein halbes schwarzes Ei. Und verteile damit Kopfnüsse. Bam, bam! Sie fallen bewusstlos um. Liegen zusammengekrümmt auf dem Asphalt. Ich bewerfe sie mit Knöllchen wie mit Konfetti. Lasse sie liegen, geteert und gefedert.
In Gedanken versunken biege ich in die nächste Straße. Und da sehe ich ihn. Er steht mitten auf dem Fahrweg. Er ist groß, sehr groß. Er wiegt seinen riesigen Kopf in einem langsamen Rhythmus. Sein Rüssel schlenkert hinterher. Er schnauft zufrieden. Blickt mit zwei schwarzen Knopfaugen in die Gegend. Ich winke ihm zu. Er hebt den Rüssel an die Stirn zum Gruße. Es sieht aus, als würde er grinsen. Er setzt sich auf seine Vorder-, dann auf die Hinterbeine. Zwinkert mir zu. Bedeutet mir aufzusteigen. Ich klettere hoch, an der faltigen rauen Haut empor. Nehme hinter seinen riesigen Ohren Platz. Er erhebt sich behutsam. Und dann geht's los. Wir wanken die Straße entlang. Ich kralle mich im borstigen Haar seines Nackens fest. Nehme Haltung an. Schaukele gemächlich hin und her. Die Menschen bleiben stehen, mit offenen Mündern. Alle sind wie von Socken. Kinder winken uns zu. Hundebesitzer heben ihre ängstlich jaulenden Begleiter auf den Arm. Anzugträger halten im Stechschritt inne und neigen den Kopf zum Gruße. Balkongästen im Unterhemd fallen die Zigaretten aus dem Mund in die Blumenrabatten.
Ich flüstere ihm etwas ins Ohr. Er trompetet begeistert in den Nachmittagshimmel. Schwenkt nach rechts zum Straßenrand. Setzt seinen Vorderfuß auf die Motorhaube der ersten Karre. Die Federung gibt zuerst nach, dann das Blech. Die Achse bricht. Seitlich knicken die Räder ab. Er zieht die anderen Beine nach. Wir setzen unseren Weg fort. Über die parkende Autoreihe. Glas splittert, Blech zerschellt. Reifen platzen wie Luftballons. Achsen brechen durch wie Salzstangen. Jedes Autodach ist ein weiches Kissen für uns. Wir treten genüsslich hinein. Ein Tusch der Zerstörung erklingt. Und ich lache. Lache mir die Seele aus dem Leib. Recke die geballten Fäuste in den Himmel. Mein grauer Freund trompetet. Wir jubeln gemeinsam. Wir sind die Guten. Die Befreiungsarmee. Die Retter.
Wir laufen. Die Zeit verrinnt. Die Autos sind verschwunden. So auch die Häuser und die Menschen. Es gibt nur noch uns beide. Wir Schaukeln gemächlich voran. Weiter und weiter. Schritt für Schritt. Der Horizont ist nicht mehr weit. Das Licht wird dunkler. Die Farben intensiver. Leise höre ich seine Schritte. Ein dumpfes, leicht schlurfendes Geräusch. Er geht wie auf Zehenspitzen. Ich beuge mich herunter, lege den Kopf auf die raue Haut seines Rückens. Schließe die Augen. Kralle mich noch etwas fester in sein borstiges Haar. Ich lächele. Ich bin glücklich. Unglaublich glücklich. Bald sind wir zuhause.
Freiburg, März 2009