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Eine kurze Liebesgeschichte
Von Björn Helbig

North Faces
Von Jonas Kassner



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North Faces

Von Jonas Kassner

Verpisst euch, ihr Idioten. Ich drücke energisch auf die Hupe. Die junge Familie im Wanderdress springt erschrocken zur Seite. Mutter und Vater halten jeweils eines ihrer Kinder fest und schauen mich böse an. Ich fahre vorbei und schaue genauso finster zurück. Als wir an ihnen vorbei sind, können wir uns nicht mehr zurückhalten. Wir prusten los, dass uns die Bäuche wehtun. Hast du die Freaks gesehen? Frage ich und bekomme kaum noch Luft. Einen halben Kilometer weiter ist die Straße zu Ende. Wir biegen in einen überfüllten Parkplatz ein. Ich parke den T4 in zweiter Reihe. Mit ein bisschen fahrerischem Können dürfte es kein Problem sein, daran vorbeizukommen.

Ich stelle den Motor ab. Da wären wir. Let's do it. Wir öffnen gleichzeitig die Türen und schwingen uns aus den Autositzen. Nun heißt es präparieren. Ich öffne die Schiebetür des T4 und steige hinten ein. Was meinst Du, brauchen wir die bei dem Wetter? Fragt sie, mit der Kapuzenfleecejacke in der Hand. Nee, ist doch scheißwarm. Wir brauchen was Dünnes, Atmungsaktives. Vielleicht noch was gegen Wind. Man weiß nie, wie es oben ist. Auf über 2000 Metern kann es ordentlich blasen. Ich lache dreckig, während ich mein Equipment zusammensuche. Ich streife die Expedition-Pants über (bewegungsfreundlicher Stretchkomfort und höchst strapazierfähig, so der Verkäufer), ziehe ein T-Shirt an (die spezielle Kunstfaser gewährleistet ein aktives Feuchtigkeitsmanagement) und schnüre die nagelneuen All-Terrain-Trekking-Schuhe. Gutes Abrollverhalten, hervorragende Haftungseigenschaften. Mit den neuesten, unter Extrembedingungen getesteten Materialien verarbeitet. Nicht billig. Hoffentlich werden die nicht so dreckig - Almwiesen sollten wir lieber meiden. Wir packen noch ein paar Power-Riegel, isotonische Drinks und zwei Windstopper in den Daypack. Wir schauen uns an. Mann, wir sehen echt cool aus. Komm, ich mach ein Bild von dir. Sie dreht sich vor der Kamera um die eigene Achse und kichert.

Auf geht's. Wir verlassen den Parkplatz. Am Waldrand finden wir mehrere Wegweiser: Kuhalm 1,5 h, Wetteralm 4h, Jochalm 5h, Waldweiher 2,5 h. Wohin wollen wir? Nach oben. Auspowern. Kuhalm klingt jedenfalls zu soft. Nehmen wir doch diese Jochalm. Ich laufe voran, mit energischem Stockeinsatz. Noch im Laden habe ich sie genau auf die richtige Höhe eingestellt: Im Stand muss die Armbeuge in einem 70 Grad-Winkel sein. Perfekt. Ich gebe Gas. Hey, nun mal langsam. Sie ruft von hinten. Tja, Mädel, da musst Du früher aufstehen. Ich bin geil auf Berge. Nach einer Viertelstunde bleibe ich stehen und warte. Uff, geht ganz schön steil los. Das Feuchtigkeitsmanagement tut seinen Dienst. Die regelmäßigen Besuche im neuen Fitness-Corner machen sich noch nicht bezahlt. Sie kommt und schimpft über mein Vorpreschen.

Ein bisschen widerwillig passe ich mich ihrem Tempo an. Wir laufen in einem gleichmäßigen Schritt. Der weiche Waldboden bietet einen gelenkfreundlichen Belag. Einatmen durch die Nase. Zwei Schritte. Ausatmen durch den Mund. Zwei Schritte. Mein Puls schlägt im idealen Frequenzbereich. Trekking kickt voll. Es bimmelt in einiger Entfernung. Kuhglocken. Irgendwann hört der Wald auf. Der Weg schlängelt sich über grüne Wiesen. Es geht viel flacher voran. Eigentlich mal ganz angenehm. Trotzdem beschwere ich mich. Wir sind doch nicht zum Spaß hier. Das Klingeln wird penetrant laut. Nach der nächsten Biegung steht eine Kuh mitten auf dem Weg. Was für ein Vieh. Respect. Sie schaut uns stoisch an. Irgendwie feindselig. Die Hörner spitz. Von der Schnauze tropft es stetig. Sie schnauft aggressiv. Wirft den Kopf auf und nieder und wackelt nervös mit den Ohren. Scheiße. Wie kommen wir jetzt hier vorbei? Der Umweg über die Wiesen bleibt uns nicht erspart. Wir sacken bis zu den Knöcheln in den weichen Matsch. Ich fluche. Warum muss man Wanderwege immer mit Kühen teilen? Gibt es nicht genug Zäune oder was?

Weiter oben sehen wir ein Haus. Noch ein ganz schönes Stück bis dahin. Aber wir halten unser Schritttempo bei. Überholen Familien und Rentner. Meine Güte, da will man eins sein mit der Natur und dann rennen hier die ganzen Trottel rum. Als wir am Haus ankommen sehen wir das Schild: Kuhalm. Mann, sind wir etwa falsch abgebogen? Ich ärgere mich schwarz. Das GPS-System ist schon lange fällig. Haben wir wieder am falschen Ende gespart. Egal. Trifft sich ja eigentlich ganz gut. Koffein wird uns jetzt beflügeln. Auf der überfüllten Terasse finden wir noch zwei Plätze in der Sonne. Endlich mal sitzen. Ich strecke die Beine aus. Ganz schön müde, die Dinger. Ein wenig Stretching hätten wir vorher machen sollen. Wir sehen uns um. Familien. Quäkende Kinder, die sich mit Pommes bewerfen. Elternteile, die vor halbleeren, vom Fett glänzenden Tellern sitzen und die Blagen ignorieren. Rentner mit bemusterten Kniestrümpfen, die ihre überschwappenden Bierkrüge lautstark aneinander stoßen. Bei dem Lifestyle müsst ihr Euch nicht wundern, dass ihr nur bis zur ersten Almhütte kommt. Was für ein Volk. Ich schüttele den Kopf und schließe genervt die Augen. Ein alter Mann in grünen Filzhosen und rot-weiß kariertem Hemd stellt sich vor uns auf. Was ist das jetzt für ein Freak? Wir müssen grinsen. Ah, er bringt die Speisekarten. Ich winke ab und bestelle zwei Kaffee. Imitiere dabei den hiesigen Dialekt. Sie knufft mich mit dem Ellbogen in die Seite. Wir lachen in uns hinein und lehnen uns zum Sonnenbad zurück. Ist das cool, mal wieder raus zu kommen.

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