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Eine kurze Liebesgeschichte
Von Björn Helbig

North Faces
Von Jonas Kassner



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North Faces

Teil 2

Von Jonas Kassner

Ich stürze den Kaffee herunter und springe auf. Weiter geht's, Wellness steht erst später an. Unweit der Hütte treffen wir auf einen Wegweiser. Rosskopf 2,5 h. Das sollte wohl zu schaffen sein. Ich blicke in die Runde der uns umgebenden Gipfel. Welcher ist das? Keiner sieht aus wie ein Pferdekopf. Was haben die sich da nur wieder für einen bekloppten Namen ausgedacht. Na ja, Hauptsache nach oben. Wozu sind wir sonst hier. Der Weg ist steinig. Ganz schön schwierig, die Stöcke ordentlich zu platzieren. Die nächsten paarhundert Meter fluche ich ständig. Am Wegesrand steht ein Schild: Achtung. Alpine Gefahren. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt erforderlich. Na also. Geht doch. Jetzt wird das hier endlich kein Rentnerspaziergang mehr. Ich beschleunige das Tempo noch ein bisschen, ihren Schimpftiraden zum Trotz. Die Wiesen verschwinden. Links und rechts nur noch felsiges Gestein und Geröll. Plötzlich hören wir das Prasseln von Steinen. Es hallt laut an den umliegenden Berghängen wider. Ich bleibe abrupt stehen und blicke mich verwirrt um. Auf dem gegenüberliegenden Berghang rennt ein Rudel von Gämsen bergab. Ich halte meinen Stock wie ein Gewehr und ziele auf die Viecher. Das wird das letzte Mal gewesen sein, dass ihr arme Wanderer erschreckt. Ich drücke ab. Mindestens drei habe ich getroffen. Wie die wohl schmecken?

Es geht so steil bergan, dass ich meine Stöcke vergessen kann. An einer flachen Stelle machen wir halt. Ich schraube sie zusammen und bringe sie an den vorgesehenen Ösen des Daypacks an. Gutes Equipment ist die halbe Miete. Wir setzen uns auf einen Felsen am Wegrand und ziehen uns zwei Power-Riegel rein. Wow. Geiles Panorama. Nature kickt. Das muss man dem Bergvolk lassen, das haben sie schön hier. Ich schaue nach unten ins Tal. Mir wird leicht mulmig. Ich blase zum Aufbruch. Ganz schön felsig ist das. Ab und zu muss ich die Hände zur Hilfe nehmen um voran zu kommen. Und auf einmal ist der Weg futsch. Was soll das jetzt wieder? Rot-weiße Markierungen ziehen sich an einer Steilwand hinauf. Fast senkrecht. Hier und da sind dicke, rostige Drahtseile angebracht. Ich schlucke. Na dann los. Halt - Geh du mal voran. Dann kann ich dich auffangen, wenn du abrutschst. Da ist er wieder, der Gentleman.

Wir klettern los. Ihr Hintern wackelt vor mir den Berg hinauf. Ich lasse mich zu ein paar Komplimenten hinreißen. Aber ich muss mich konzentrieren. Das ist verflucht schwierig. Zum Glück taugt die Spezial-Sohle was. Hatte der Verkäufer schon recht. Bei den Schuhen sollte man am wenigsten sparen. irgendwann geht es dann quer zum Berghang entlang. Endlich hat das Kraxeln mal ein Ende. Aber irgendwie fehlt hier die Trittfläche. Man sieht nur noch ein Seil. Das Rauschen eines Wasserfalls ist zu vernehmen. Ich schaue nach unten. Das geht mindestens 150 Meter steil runter. Unten sieht man die weiße Gischt des Flusses. Ich bleibe stehen. Mir ist schlecht. Unglaublich schlecht. Ich krampfe mich am Seil fest. Meine Knie zittern. Ich hangele mich noch ein Stück weiter. Zentimeter für Zentimeter. Sie ist schon eine ganze Ecke weiter vor. Ich kann ihr nicht folgen. Wieso steckt die das hier so einfach weg? Das bröckelige Gestein löst sich vom Felsen und poltert in die Tiefe. Ich rutsche ab. Mein Greifreflex schützt mich vor dem Fall. Ich möchte schreien. Aber kann nicht. Sie lacht aus einiger Entfernung. Hör auf zu lachen du blöde Kuh, denke ich. Ist es das Ende? Einen Klimmzug. Nichts weiter als das. Ich denke mich in die Wände des Fitnessstudios. Da bin ich ja auch weiß Gott keine Memme. Besonders wenn man Zuschauer hat. Aber ich bin wie gelähmt. Ich schaue auf meine Hände und stochere mit den Füßen den Felsen entlang. Jetzt bloß nicht runterschauen. Ich bekomme halt mit meinem Linken Fuß. Kann mich ein wenig nach oben drücken. Aha. Die Arme funktionieren wieder. Ich ziehe mich hoch und drücke mich mit dem Bauch an den Felsen. Zurück. Ich hangele mich entlang des Seiles in Richtung eines breiteren Felsvorsprungs. Hey, wohin willst Du? Ruft sie. Ich kann nicht antworten. Mir bleibt die Spucke weg. Manchmal muss man einfach handeln. Ich erreiche das rettende Ufer. Meine Herzfrequenz ist alles andere als im grünen Bereich. Sie kommt zu mir. Ich tue gelangweilt. Ah, da bist du ja. Lass uns mal zurückgehen. Ich will nicht in den Rückverkehr kommen. Die ganzen Idioten sind doch heute alle in die Berge gefahren.

Abstieg. Sie geht immer noch voran. Ich trotte hinterher. Ich schweige. Bleibe stehen und atme tief durch. Das Sonnenlicht wird schwächer. Es ist später Nachmittag. Ich blicke mich um. Es ist unheimlich still. Warum ist hier niemand? Wo sind all die Menschen hin? Ein großer Raubvogel zieht über uns seine lautlosen Kreise. Ein Adler? Die Schwingen haben eine Spannweite von der Länge meines T4. Ich fühle mich beobachtet. Werde nervös. Was denkt der sich nur. Sind wir seine nächsten Opfer? Ich knall dich ab du Scheißvieh. Ich laufe weiter und konzentriere mich auf den Weg. Meine Knie beginnen zu schmerzen. Wann sind wir endlich unten. Irgendwann erreichen wir die Almwiesen. Scheiß Knie. Da komme ich auf eine Idee. Schau mal, neue Technik, rufe ich. Ich drehe mich um und laufe rückwärts. Ah, welch eine Wohltat. Meine Knie danken es mir sofort. Doch mein Hochgefühl nimmt ein jähes Ende. Ich trete in etwas sehr Weiches und rutsche aus. Falle der Länge nach auf die Wiese. Und rutsche noch ein Stück weiter bergab. Sie lacht. Sie lacht. Sie lacht. Ich schweige. Ihr saublöden Kühe. Ihr blöden Bauern. Mist Trekking-Schuhe. Mist Profil. Ihr elenden Berge. Ich stehe unbeholfen auf und schaue an mir herunter. Ich sehe beschissen aus. Komm, ich mach ein Bild von dir. Sie streckt die Hand aus um die Kamera entgegen zu nehmen. Ich ignoriere sie einfach und laufe los. Und wer zahlt die Reinigung?

Wir gelangen wieder zum Ausgangspunkt. Nicht nur wir, auch meine Laune ist auf dem Tiefpunkt angekommen. Der T4 steht in der Mitte des fast leeren Parkplatzes. Schon von weitem sehe ich sie. Sie ist ungefähr einen halben Meter lang, ein paar Millimeter breit und hebt sich metallisch blitzend vom roten Lack ab. Die elenden Arschlöcher. Ich versuche nicht hinzuschauen und steige einfach ein. Ich starte den Motor. Gebe im Leerlauf ein paar mal ordentlich gas. Wir brettern über die Waldstraße. Ich denke an die Schramme mit dem Gefühl, dass dies nicht die einzige des Tages war. Nun denn. Ein paar Verbesserungen am Equipment, ein wenig Training und wir sind wieder dabei. Wir kriegen euch noch, ihr scheiß Berge.

Freiburg, März 2009

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